VDA 6.3 Prozessaudit: So erreicht Ihr Druckgusslieferant die Bewertung „A“

Die deutsche Aluminiumindustrie steckt laut Aluminium Deutschland im vierten Krisenjahr in Folge — die Produktionskapazitäten lagen 2025 nur noch bei 76 bis 88 Prozent des Niveaus von 2021. Für Einkäufer in der DACH-Region heißt das: Die Auswahl des richtigen Druckgusslieferanten wird riskanter, nicht einfacher. Genau deshalb ist die VDA 6.3-Bewertung "A" heute kein Nice-to-have mehr, sondern ein harter Filter, bevor ein Lieferant überhaupt in die engere Auswahl kommt.

Dieser Artikel erklärt, was die Bewertung "A" technisch bedeutet, wo die meisten Lieferanten Punkte verlieren — und wie ein Aluminiumdruckguss-Hersteller die A-Bewertung nachvollziehbar erreicht, statt sie nur im Zertifikat zu behaupten.

Was die VDA 6.3-Bewertung "A" konkret bedeutet

Die VDA 6.3 (4. überarbeitete Auflage, Januar 2023) bewertet Prozesse mit dem bekannten Ampelsystem. Die Gesamtbewertung ergibt sich aus dem Erfüllungsgrad aller bewerteten Fragen:

BewertungErfüllungsgrad E_GBedeutung für den Kunden
A≥ 90 %Prozesse sind fähig, Qualitätsanforderungen zuverlässig zu erfüllen
B80 – 89 %Bedingt fähig; Einschränkungen vorhanden
C< 80 %Nicht fähig; Zuschlag in der Regel ausgeschlossen

Jede einzelne Frage wird mit 10 / 8 / 6 / 4 / 0 Punkten bewertet. Die gefürchteten Sternchenfragen (*-Fragen) sind dabei kritische Prozessrisiken — eine 0 bei einer Sternchenfrage zieht die Gesamtbewertung automatisch nach unten, egal wie gut der Rest aussieht.

Was viele Einkäufer nicht wissen: Die A-Bewertung ist kein statisches Zertifikat. Sie gilt für einen konkreten Audit-Zeitpunkt und eine konkrete Prozesskette. Ein Lieferant, der vor zwei Jahren ein "A" bekommen hat, kann heute bei einem Re-Audit auf "B" fallen — wenn die Prozesse nicht dauerhaft gehalten werden. Genau hier trennen sich die echten Systeme von den Papier-QM-Handbüchern.

Die fünf harten Türen zur A-Bewertung im Druckguss

Aus unserer Sicht als Aluminiumdruckguss-Hersteller, der selbst nach VDA 6.3 auditiert wird, entscheiden fünf Punkte darüber, ob am Ende ein "A" oder ein "B" im Bericht steht.

1. Prozessfähigkeit, nicht nur Messprotokolle

Der Auditor will keine schönen Cpk-Zahlen in einer Excel — er will sehen, dass die Fähigkeit aus dem Prozess kommt. Beim Vakuum-Hochdruckguss (VHPDC) heißt das konkret: Die kritischen Maße müssen über die Serie hinweg stabil in der Toleranz liegen, mit dokumentierter Maschinenfähigkeit und Prozessfähigkeit.

Wir dokumentieren auf kritischen Bohrbearbeitungen im EV-Gehäuse einen Cpk von ≥ 1,5 — nicht als einmalige Erstmuster-Messung, sondern als laufende SPC-Auswertung über die Produktionscharge. Der Unterschied: Ein einmaliger Cpk-Wert beweist nichts, eine kontinuierliche Regelkarte mit Eingriffsgrenzen schon.

2. Rückverfolgbarkeit über die gesamte Prozesskette

VDA 6.3 fragt nicht nur "Können Sie zurückverfolgen?", sondern "Wie schnell und wie lückenlos?". Im Druckguss bedeutet das: Von der Legierungs-Charge (ADC12, AlSi10Mg, A380) über den Gießprozess, die Wärmebehandlung bis zur CNC-Bearbeitung und Endprüfung muss jede Charge eindeutig rückverfolgbar sein.

Der häufigste Fehler, den wir bei Lieferanten-Audits sehen: Die Schmelze ist rückverfolgbar, die Bearbeitung auch — aber die Schnittstelle dazwischen (welches Gussteil aus welcher Kavität in welche Bearbeitungs-Charge ging) bricht ab. Diese Lücke kostet bei einer Sternchenfrage zur Rückverfolgbarkeit schnell die A-Bewertung.

3. Messmittel und Messsystemanalyse

Die Zeiss-CMM im Messraum ist kein Argument, wenn die Messsystemanalyse (MSA) nicht sauber ist. Der Auditor prüft, ob die Prüfprozesse selbst fähig sind — nicht ob die Maschine teuer war.

Konkret heißt das für uns: Jährliche MSA-Studien für die kritischen Messmittel, dokumentierte Kalibrierintervalle, und eine klare Trennung zwischen Prüfmittel, die in der Serie eingesetzt werden, und solchen, die nur im Labor stehen.

4. Technische Sauberkeit nach VDA 19

Für EV-Gehäuse, die später mit Kühlmittel in Kontakt kommen, ist die technische Sauberkeit nach VDA 19.1 ein Sternchenthema. Restpartikel aus der Bearbeitung — Späne, Schleifrückstände, Restschmutz — führen im Feld zu verstopften Kühlkanälen oder Kurzschlüssen.

Wir fahren eine dokumentierte Reinigungslinie mit Ultraschallreinigung und prüfen die Sauberkeit nach VDA 19.1 stichprobenartig. Der Punkt ist nicht die Reinigungsanlage, sondern der Nachweis, dass die Sauberkeit ein gesteuerter Prozess ist — mit Grenzwerten, Prüfplan und Reaktionsregel bei Überschreitung.

5. Interne Audit-Realität statt Audit-Theater

Der deutlichste Hinweis auf ein echtes QM-System: Wie läuft das interne Audit wirklich ab? Wir haben bei Kunden-Audits schon gesehen, dass das interne Audit-Protokoll aus dem Vorjahr wortgleich dem davor entsprach — das fliegt bei einem erfahrenen VDA-Auditor sofort auf.

Interne Audits müssen echte Befunde liefern, auch unangenehme. Ein System ohne einen einzigen dokumentierten Abweichungsbefund in zwölf Monaten ist für einen Auditor ein Warnsignal, kein Qualitätsbeweis.

Was sich mit der VDA 6.3:2023 geändert hat

Die 4. Auflage (Januar 2023) hat ein paar Dinge verschärft, die viele Lieferanten noch nicht umgesetzt haben:

  • Der frühere D-Teil ist entfallen. Wer sein QM-System noch auf die alte D-Struktur aufgebaut hat, muss umstellen.
  • Der risikobasierte Ansatz wurde ausgebaut — der Auditor konzentriert sich stärker auf die Prozesse mit dem höchsten Risiko, statt stur alle Fragen abzuarbeiten.
  • Die Sternchenfragen haben weiter an Gewicht gewonnen.

Parallel dazu ist mit der VDA 6.8 (Dezember 2024) ein neuer Standard für die Supply-Chain-Prozessauditierung entstanden — als Brücke zwischen VDA 6.3 und den logistischen Anforderungen (MMOG/LE). Für Druckgusslieferanten heißt das: Die Prozesstreue endet nicht am Werktor, sondern umfasst zunehmend auch die Logistik- und Lieferkette.

Wer als Lieferant heute nur "IATF 16949-zertifiziert" sagt, ohne die VDA 6.3-Tiefe zu beherrschen, verliert in DACH-Ausschreibungen zunehmend den Anschluss. Die beiden sind keine Alternativen — IATF 16949 ist die Systemebene, VDA 6.3 die Prozessebene. Beide gehören zusammen.

Wo die meisten Druckgusslieferanten auf "B" zurückfallen

Aus unserer Erfahrung in Lieferantenaudits sind das die fünf häufigsten Abwertungsgründe — in der Reihenfolge ihrer Häufigkeit:

RangAbwertungsgrundTypisches MusterWie man es vermeidet
1Rückverfolgbarkeits-Lücke an der Schnittstelle Guss → BearbeitungChargenvermischung nicht dokumentiertKavitätsbezogene Zuordnung durch die gesamte Kette
2MSA nicht auf kritische Messmittel angewendetKalibrierschein ja, MSA neinMSA-Studien für alle kritischen Prüfprozesse
3Interne Audits ohne echte Befunde"Alles in Ordnung"-ProtokolleAbweichungen zulassen und dokumentieren
4Sauberkeit nach VDA 19 nicht als Prozess gemanagtReinigung ja, Nachweis neinGrenzwerte + Prüfplan + Reaktionsregel
5Prozessfähigkeit nur als Erstmuster-NachweisCpk einmalig, nicht laufendLaufende SPC mit Eingriffsgrenzen

Kann ein Lieferant in China die VDA 6.3 "A" wirklich erreichen?

Die kurze Antwort: Ja — aber nicht durch ein gekauftes Zertifikat, sondern durch ein System, das nach deutschen Prozessregeln geführt wird. Wir sind als Aluminiumdruckguss-Hersteller in China nach IATF 16949 zertifiziert und werden nach VDA 6.3 auditiert, mit einer Bewertung "A" im letzten Audit.

Was dabei wirklich zählt, ist nicht der Standort, sondern drei Dinge:

  1. Das System wird gelebt, nicht nur dokumentiert. Der Auditor merkt innerhalb der ersten Stunde, ob die Schichtleiter die Prozesskennzahlen kennen oder nur das QM-Handbuch.
  2. Die Messtechnik ist auf dem Stand der DACH-Erwartung. Zeiss-CMM, Röntgenprüfung und Helium-Lecktest sind bei uns Standard, nicht Sonderausstattung.
  3. Die Audit-Sprache stimmt. Der Auditor stellt Fragen zu Prozesskennzahlen, Reklamationsbearbeitung, Änderungsmanagement — und erwartet, dass die Antwort aus dem laufenden Betrieb kommt, nicht aus einem vorbereiteten Ordner.

Für Einkäufer, die einen chinesischen Druckgusslieferanten qualifizieren wollen, gilt: Fordern Sie den letzten VDA 6.3-Auditbericht an — nicht nur das Zertifikat. Im Bericht steht, wo die Prozesse wirklich stehen. Wer nur das Zertifikat zeigt und keinen Bericht liefern kann, hat in der Regel etwas zu verbergen. Mehr dazu in unserem Beitrag Was einen guten von einem hervorragenden Aluminium-Druckguss-Hersteller unterscheidet.

Häufig gestellte Fragen

Frage: Was ist der Unterschied zwischen IATF 16949 und VDA 6.3?

Antwort: IATF 16949 ist die Systemebene — es zertifiziert, dass ein Qualitätsmanagementsystem existiert. VDA 6.3 ist die Prozessebene — es bewertet, ob konkrete Prozesse die Anforderungen tatsächlich erfüllen. Beide gehören zusammen: IATF 16949 verlangt in Kapitel 9.2.2.6 regelmäßige Prozessaudits nach VDA 6.3.

Frage: Wie lange ist eine VDA 6.3-Bewertung "A" gültig?

Antwort: Die Bewertung ist eine Momentaufnahme eines konkreten Audits, kein Zertifikat mit fester Laufzeit. In der Praxis gilt sie bis zum nächsten Audit — typischerweise ein Jahr oder nach definiertem Kunden-Rhythmus. Entscheidend ist, dass die Prozesse dauerhaft gehalten werden, nicht das Papier.

Frage: Was sind Sternchenfragen (*-Fragen) in VDA 6.3?

Antwort: Sternchenfragen markieren kritische Prozessrisiken, die bei Nichterfüllung die Gesamtbewertung automatisch absenken. Im Druckguss betreffen sie typischerweise Rückverfolgbarkeit, Prozessfähigkeit und technische Sauberkeit. Eine 0-Punkte-Wertung bei einer Sternchenfrage ist der schnellste Weg von "A" auf "B".

Frage: Kann ein Druckgusslieferant ohne VDA 6.3 für DACH-Kunden arbeiten?

Antwort: Formell ja, praktisch kaum. Die großen OEM und Tier-1 in DACH verlangen VDA 6.3-Audits als Standardanforderung in der Lieferantenqualifizierung. Ohne die Bewertung kommt ein Lieferant in der Regel nicht durch die Vorauswahl. Für EV-Gehäuse und Strukturbauteile ist sie faktisch Eintrittskarte.

Frage: Wie prüfe ich als Einkäufer, ob die VDA 6.3-Bewertung "A" echt ist?

Antwort: Fordern Sie den vollständigen Auditbericht an, nicht nur das Zertifikat. Prüfen Sie Audit-Datum, bewertete Prozesskette und die Anzahl der Abweichungen. Ein echter "A"-Bericht hat ein konkretes Datum, einen benannten Auditor und eine klare Prozesskette — kein generisches Papier ohne Details.